Essay: Oktober 05

Essay zur Treue von Fetischisten

Der folgende Essay stellt die These auf, dass Fetischisten die besseren und treueren Lebenspartner sind. Gewagte These? Lest und bildet euer Urteil.

von Rio

Red Highheel Women BootsUnumstritten ist die Treue wohl das Wichtigste in einer gesunden Beziehung. In diesem Essay beschreibt Treue das Vermeiden von sexuellen Handlungen außerhalb einer Zweierbeziehung. Ausgenommen sind sexuelle Kontakte, die nach Absprache stattfinden (Offene Beziehung) sowie die Onanie. Umstritten ist, ab welchem Punkt man von Treuebruch sprechen kann: ab Händchenhalten, Küssen oder Geschlechtsverkehr?

Die Meinung des Verfassers ist, dass ab Händchenhalten die Treue gebrochen wird, da dies die erste sichtbare und körperliche Handlung zwischen zwei Personen darstellt. Der Treuebruch in einer Beziehung ist leider oft der Regelfall. Mehr als die Hälfte aller Europäer hat schon mal betrogen (am Ende will es wieder keiner gewesen sein). Männer und Frauen betrügen eher aus unterschiedlich Gründen.

Während Frauen oft nur eine starke Schulter zum Anlehnen suchen, sind Männer eher auf das Sexuelle konzentriert. Der wohl noch aus alten Naturtrieben stammende Drang des Mannes, seine Gene möglichst weit zu streuen, steht im Kontrast zur monogamen Lebensweise. Für viele Männer ist dies eine Art halbe Enthaltsamkeit, sie müssen sich Sex mit anderen Frauen verkneifen.

Noch heute haben viele Männer das Gefühl, Treue sei eine schwierige Pflicht. Dies sind Überbleibsel aus einer Zeit, bevor es die Monogamie gab. Die Frauen haben die Männer vor Jahrtausenden mit einem Trick an sich gebunden, genannt: die permanente Brunftbereitschaft. Der Mensch ist aus der Klasse der Säugetiere hervorgegangen. Die meisten Säuger leben nicht in festen Partnerschaften.

Es gibt eine Paarungszeit, in der die Männchen darum streiten, wer das anwesende Weibchen befruchten darf. Dem Gewinner ist es gegönnt seine Gene weiterzugeben. Männchen und Weibchen gehen danach auseinander und das Spiel beginnt im nächsten Jahr von neuem. Dadurch gibt es zwar nie Beziehungsstress, hat aber auch zur Folge, dass die meisten weiblichen Säuger alleinerziehende Mütter sind.

Allgemein bekannt ist die Tatsache, dass das Leben als alleinerziehende Mutter sehr schwer ist. Das war vor zehntausend Jahren nicht anders als heute. Die menschlichen Mütter suchten also nach einer Lösung, die Männer in Versorgung und Erziehung der Nachkommen mit einzubinden. Dazu machten sie sich den Sexualtrieb des Mannes zu nutze, sie ließen die Männer immer "ran".

Auf diese Weise kam der Mann regelmäßig nach der Erlegung eines Mammuts, mit Fleisch bepackt zur Höhle zurück, weil er wusste, dass er dafür etwas bekommt: Sex. Durch diesen Vorgang wurde der Sex mehr als bloße Fortpflanzung. Er wurde Teil eines Sozialverhaltens zwischen Mann und Frau. Die "permanente Brunftbereitschaft" hielt also den Mann sprichwörtlich in der Höhle und gründete somit die heutige Gesellschaft.

Hieraus erkennt man, dass Sex schon seit zehntausenden von Jahren mehr ist als nur Fortpflanzung. Sex ist bis heute einer der wichtigsten sozialen Grundpfeiler. Im Zusammenspiel mit anderen sozialen Einflüssen ergeben sich interessante Mischungen. Das Sexualleben steht dem alltäglichen Leben nicht gegenüber oder außen vor, es gehört zum alltäglichen Leben dazu.

Verschiedene äußere Einflüsse, wie zum Beispiel gesellschaftliche Normen, wirken also genauso auf den Sex ein, wie auf den restlichen Teil des alltäglichen Lebens. Dies gilt aber auch umgekehrt, der Sex wirkt sich genauso in umgekehrter Richtung auf das gesellschaftliche, soziale und alltägliche Leben aus. Ein Beispiel: Ihr Sexleben mit Ihrer Frau füllt Sie kein bisschen aus. Sie fühlen sich unausgeglichen, frustriert und natürlich unbefriedigt.

Sie haben das Gefühl, dass irgendetwas in ihrem Sexleben fehlt. Jetzt begeben sie sich total schlecht gelaunt in ihr soziales Umfeld: das Büro. Sie sind schlecht gelaunt und maulen jeden an, der ihnen über den Weg läuft. Nach einiger Zeit kommen natürlich ähnliche Reaktionen zurück. Am Ende sind sie total unbeliebt und werden aus dem Büro gemobbt. Dies ist natürlich ein "Worst Case Scenario". Aber ihr Sexleben spielt immer mit in ihrer Arbeitswelt.

Vielleicht leidet auch ihr Selbstbewusstsein unter dem schlechten Sexleben und sie werden zum Arbeitsesel degradiert, weil sie nicht mehr "nein" sagen können. Vielleicht haben sie gar keinen Sex und können deswegen an nichts anderes mehr denken und verlieren ihre eigentlichen beruflichen Ziele aus den Augen. Es gibt noch unzählige Möglichkeiten, auf welche Art und Weise der sexuelle Trieb sie und ihre Umwelt beeinflusst.

Einen sexuellen Trieb kann man leider nicht einfach abschalten oder beiseite schieben. Er ist und bleibt immer ein großer Teil von uns selbst. Die Frage ist also nicht: "Wie können wir den Einfluss so niedrig wie möglich halten?" sondern: "Wie gehen wir damit um?" Oder noch besser: "Wie können wir Sex für uns nutzen?" Wir haben gesehen, dass Sex mehr ist als bloßes Fortpflanzen, naemlich auch eine Art des sozialen Umgangs.

Wir besitzen also die Gabe, andere Dinge und Sachverhalte in den Geschlechtsakt zu integrieren. Dies ist die Schwelle, durch die der Fetischismus tritt. Die Verbindung von Dingen und Sachverhalten mit Sex. In der heutigen Zeit wird dann von Fetischismus gesprochen, wenn der Einfluss der Dinge und Sachverhalte im Geschlechtsakt das übliche Maß übersteigt.

Der bloße Fortpflanzungstrieb spielt also eine noch kleinere Rolle, als bei Nicht-Fetischisten. Mann kann auch sagen, dass das Unsexuelle im sexuellen Akt einen großen Raum einnimmt. Der soziale und psychologische Teil des Sexes bekommt noch mehr Gewicht. Kleinere Fetische, wie zum Beispiel Dessous, Fesselspielchen oder Dirty-Talk werden im allgemeinen nicht als solche wahrgenommen, da sie weit verbreitet sind und keine große Abweichung vom ursprünglichen Geschlechtsakt darstellen.

Anders ist es, wenn der Fetisch nach außen hin auffälliger wird. Bei Lack, Leder und Stiefeln ist dies zum Beispiel der Fall. Ähnlich wie bei Dessous wird der weibliche/männliche Körper stark ästhetisiert. Männer und Frauen werden unter anderem durch das körperliche Aussehen des Gegenübers angelockt. Bei verschiedenen Kleidungsfetischen werden die optischen Reize je nach persönlicher Vorliebe verstärkt.

Zum anderen wird auch eine bestimmte Ästhetik verfolgt. Beim Stiefelfetisch zum Beispiel, wird das Bein als sexueller Reizpunkt besonders hervorgehoben. Oft wird besonders weibliche Kleidung als Ergänzung bevorzugt. Da wären zum Beispiel Kleider, Röcke und lange Handschuhe. Der Anblick einer bestiefelten Frau muss nicht unbedingt mit nur sexueller Lust verbunden sein, sondern kann auch schlicht das Auge des Betrachters erfreuen, ähnlich wie ein schön gemaltes Bild.

Vielmehr ist es so, dass der Fetischist sein ästhetisches Bewusstsein mit in die Sexualität hinüberträgt. Für den Stiefelfetischisten bleibt eine bestiefelte Frau selbst nach tiefster sexueller Befriedigung schön. Bei den meisten Fetischisten verläuft diese Übertragung unbewusst, für sie gilt es, sich dessen bewusst zu werden. Falls jemand versuchen sollte, zwanghaft bestiefelte Frauen nicht mehr schön zu finden, ist es so, als wenn er sich einredete, ein für ihn schönes Bild sei jetzt hässlich.

Dieses Bild wird nie hässlich sein.

Beim Fetisch geht es nicht darum, sich zu fragen, wie ich dieses Bild loswerde, sondern wo ich es hin hänge. Es ist die Frage, wie man damit umgeht und ihn für sein eigenes Glück nutzt. Man könnte es auch "Schöner Wohnen mit Fetisch" nennen. Bei den meisten Stiefelfetischisten bleibt der aesthetische Aspekt im Vordergrund, bei vielen jedoch kann die Kleidung noch eine andere Rolle spielen. Sie kann zusätzlich eine sexuelle Handlung unterstreichen.

Das heißt, dass während eines "Rollenspiels" die Charaktere durch ihre Kleidung gekennzeichnet werden. Manch einer wird vielleicht an Verkleidung denken. Da sich die sexuellen Handlungen in geschlossenen Räumen und nicht auf der Bühne abspielen, kann hier schwer von Rollenspiel und Verkleidung im eigentlichen Sinne gesprochen werden. In unseren vier Wänden sind wir immer noch die gleichen Menschen wie außerhalb.

Genau so gut könnte man auch Ihr Verhalten im Büro als "Rollenspiel" bezeichnen, da sie sich dort anders verhalten als zu Hause. Es gibt kein einziges, wirkliches Ich. Es gibt kein: So bin ich wirklich. Sondern: Das bin ich auch. Jeder Mensch hat mindestens tausend Facetten. Wir lassen nur andere Seiten von uns an die Oberfläche. Am Beispiel der weitverbreiteten Sado-Maso Praktiken lässt sich das gut erklären.

Im dem Falle, dass der Mann devot ist und von seiner Frau/Freundin dominiert wird, trägt die Herrin normalerweise Kleidung, die dem devoten Mann gefällt. Hier hat die Kleidung gleichzeitig die Funktion der Abgrenzung. Die Frau grenzt sich durch ihre andere Kleidung vom Mann ab. Zugleich hat der Mann das Bedürfnis, sich jemandem auszuliefern und sich somit auch unter den Schutz von jemand anderem zu stellen.

Das Zufügen von Schmerzen kann das Gefühl der Auslieferung, des Unterordnens oder vielleicht auch sich unter Schutzherrschaft zu stellen, verstärken. Beleidigungen und Schläge sind nur Demonstration der eigentlichen Macht der Herrin. Der Mann möchte seine Herrin auch bewundern können. Ist der Liebessklave Stiefelfetischist, wird die Herrin auch Stiefel tragen. Allein durch die Schönheit der Herrin kann der devote Mann so beeindruckt werden, dass er ehrfürchtig vor ihr zurückschreckt.

Die Frau wird zusätzlich durch ihre Kleidung erhöht. Sie wird auf eine Ebene gehoben, wo sie für den Mann eigentlich unerreichbar ist. Der Mann bekommt das Gefühl, jemandem gegenüber zu stehen, gegen den er machtlos ist. Die Aufmerksamkeit einer solchen großen Persönlichkeit wird so zu etwas sehr Wertvollem. Wie schon zu erkennen ist, ist der Zweck dieses Sexes keineswegs die Fortpflanzung.

Wem wird denn nicht schwindelig, wenn er so eine Frau im Café sieht?

Sexuelle Handlungen, die solche ernsten Spielereien enthalten, gefallen aus anderen Gründen. Sie bringen einen Zusatznutzen für die Alltagswelt. Ein anderes Wort für zufrieden oder glücklich in der deutschen Sprache ist : ausgeglichen. Das bedeutet, dass etwas gleich ist, sich die Waage hält. Menschen, die solchen Sex erleben, fühlen sich danach meistens sehr ausgeglichen. Das heißt auch, dass sie es vor dem Sex nicht waren.

Sie fühlten vor dem Sex ein Ungleichgewicht, das sie durch den Sex wieder kompensiert haben. Dieses Ungleichgewicht kann verschiedene Ursachen haben. Es kann sein, dass der Mann sich während einer solchen Art von Sex fallen lassen kann, so nicht mehr nachdenken muss und sich dadurch entspannt. Vielleicht genießt die Frau das Gefühl der absoluten Macht über eine Person, weil sie sonst eine eher untergeordnete soziale Stellung hat.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, aber letztendlich sind diese Dinge unwichtig. Wichtig ist, dass beide nach dem Sex glücklich und zufrieden sind. Nach den Ursachen des Glücks muss dann nicht mehr gefragt werden. Was sagt uns aber das Sexualverhalten eines Fetischisten über die Beziehungsfähigkeit und über seine Treuequalitäten aus? Wir haben gesehen, dass sein Sexualverhalten nicht so stark vom animalischen Trieb der Genverteilung gesteuert ist, sondern dass er Sex dazu nutzt, einseitige Belastungen auszugleichen, sowie andere Genüsse, wie z.B. Ästhetikempfinden, in den Sex mit einzubauen.

Der Fortpflanzungstrieb spielt nur noch eine geringe Rolle. Darum kann festgehalten werden, dass dem Fetischisten die Qualität des Sexes weitaus wichtiger ist als die Quantität. Zudem darf nicht außer acht gelassen werden, dass dieser Fetisch eine sehr intime Angelegenheit ist. Unter Umständen kommen durch den Sex noch andere intimere Dinge zum Vorschein , welche kompensiert werden sollen. Deswegen ist es unumgänglich, eine solide Vertrauensbasis zu seinem Gegenüber aufzubauen.

Eine Vertrauensbasis aufzubauen dauert meist Monate oder Jahre und ist nicht in einer betrunkenen Diskonacht zu erreichen. Eine funktionierende Beziehung ist für einen Fetischisten unverzichtbar, wenn er ein gutes Sexleben haben will. Die Grundlage für sein Glück ist die Liebe. Zudem ist Fetisch immer noch ein Thema, über welches man nur mit ausgewählten Personen spricht. Um einer Person seine besonderen Vorlieben gestehen zu können, muss erst mal eine Basis geschaffen sein.

In der Regel gilt: erst die Beziehung und dann das "Coming Out". Ein weiterer Aspekt ist die Stellung der Frau aus der Sicht eines Fetischisten. Nicht umsonst ist der Begriff "Fetisch" aus der Religion übertragen worden. In den Religionswissenschaften bezeichnet der Begriff "Fetisch" ein Objekt, das religiös verehrt wird. Nicht völlig unähnlich verehrt ein Fetischist seine Freundin/Frau während einer sexuellen Handlung. Die Überhöhung des Gegenübers beim S/M-Sex , verursacht ein Autorisierung und damit auch einen Glauben an diese Person.

Eine Abkehr von dieser Person würde auch eine direkte Abkehr des Glaubens an diese Person bedeuten. Ein Seitensprung würde sofort mit einem Schlag sein Sexleben ruinieren. Insgesamt kann wohl gesagt werden, dass Fetischisten, die ihren Fetisch mit ihrer Freundin/Frau ausleben, wohl zu den treueren Exemplaren der Gattung Mann gezählt werden können. Für den Fetischisten geht das Geistige über das Körperliche.

Seine Beziehung ist die Grundlage für sein Glück. Er möchte den Sex mit allen seinen Facetten ausleben und für sich nutzen, und verzichtet eher auf Sex, als dass er schlechten bekommt. Und mal ehrlich: Wie hoch stehen die Chancen, dass ein Mann in einer Disko eine Frau kennenlernt, die seinen Fetisch teilt, single ist, von vornherein weiß, was ihm gefällt und direkt ein vertrautes Verhältnis entsteht, das es wert ist mit dem eigenen Glauben zu brechen? Eher gewinnt man wohl zweimal hintereinander im Lotto.

Oft hört man, dass Fetisch doch nicht natürlich sei. Dies hört man zurecht. Der Fetisch hat nichts mehr mit Natur zu tun, sondern gehört in den Bereich Kultur. Der Fetisch ist ein Teil der menschlichen Kultur, den wir besser verstehen und besser nutzen müssen. Denn wie heißt es so schön: Menschen sind wir nicht, Menschen müssen wir werden. Meine Damen und Herren Fetischisten, wenn sie gerne arrogant sind, dürfen sie sich ruhig als weiter entwickelte, bessere und treuere Menschen bezeichnen.

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