Essay: November 05   

Den folgenden Essay hat uns der ehrenwerte Freshmilk geschickt. Freshmilk kommt aus Baden-Württemberg und arbeitet im künstlerischen Bereich. Er hat sich intensiv mit dem Thema Fetisch beschäftigt. Wir danken ihm für diesen wertvollen Beitrag.

Essay zum Ursprung des Fetischismus

von Freshmilk

Red Highheel Women BootsWarum sind wir wie wir sind? Sich selber einzugestehen, dass die Vorliebe für Frauen die hohe Stiefel tragen vielleicht doch nicht nur ein persönliches Faible ist, sondern eventuell schon unter den Begriff „Fetischismus" zu stellen ist, dürfte für viele von uns ein längerer Prozess gewesen sein. Irgendwann auf diesem Weg werdet Ihr Euch schon mal die Frage nach dem „Warum bin ich so?" gestellt haben. Spätestens in der Situation, in der Ihr Eurer Partnerin eingestanden habt, dass Ihr es toll finden würdet sie in hohen Stiefeln zu sehen, werden ein paar Antworten fällig. Dabei fällt es gar nicht mal so einfach eine richtige Antwort zu finden und auch die persönliche Einordnung des Themas fällt oft nicht leicht und von Person zu Person unterschiedlich aus.

Mit dem Begriff „Fetischismus" ist unweigerlich der Name Siegmund Freud (1856-1939) verknüpft. Der österreichische Neurologe und Begründer der Psychoanalyse beschreibt in seinen 1905 erschienen Werk „Three Essays on the Theory of Sexuality" seine Theorie, dass Männer einen Fetisch aufgrund eines auf Kastrationsängsten basierenden Kindheitstraumas entwickeln. Freuds Theorie war eine der ersten zum Thema und wurde zu Beginn sehr ernst genommen, gilt heute aber als weitgehend ungeeignet das Verhalten zu erklären. Leider taucht sie dennoch immer wieder in Diskussionen auf und prägt bei einigen Menschen noch das Verständnis über das Thema.

Weitgehend unstrittig ist heute, dass der Effekt der Konditionierung in direkten Einfluss auf die menschliche Sexualität hat. Das berühmteste Beispiel für Konditionierung ist zweifelsohne der Pavlowsche Hund. In diesem Beispiel wird ein Hund über einen gewissen Zeitraum immer nach dem erklingen einer Glocke gefüttert. Nach einiger Zeit genügt bereits das Erklingen der Glocke dafür, dass der Hund mit der Produktion von Speichel beginnt auch ohne dass er gefüttert wird. Experimentell nachgewiesen ist auch, dass männliche Ratten die für den sexuellen Akt immer in einem bestimmten Käfig verbracht wurden nach einiger Zeit mit der Ausschüttung von „Glückshormonen" beginnen, auch wenn sie ohne einen Sexualpartner in den entsprechenden Käfig verbracht werden. [Truitt W.A., Shipley M.T., Veening J.G, and Coolen L.M. (2003) Activation of a subset of lumbar spinothalamic neurons following copulatory behavior in male but not female rats. J. Neuroscience. 23(1): 325-331]. Der Schluss liegt nahe, dass Konditionierung einen Teil der Erklärung des Phänomens „Fetischismus" liefert. Wir Stiefelfetischisten kennen nur zu gut dieses Kribbeln wenn Mrs. Sunshine plötzlich in hohen Stiefeln vor uns steht. Zumindest erklärt es warum auch schon der einfache Geruch von Leder oder der bloße Anblick ein Paar Overknees ausreicht um bei uns ein paar Glückshormone zu produzieren.

Mrs. Sunshine am Abend

Einen weiteren, mit der Konditionierungstheorie im Einklang stehenden Baustein der Erklärung, liefert ein Phänomen namens „Frühkindlicher Prägung". Das Phänomen der Prägung ist eng mit dem Namen Konrad Lorenz verknüpft, dem der Nachweis gelang, dass Graugänse in den ersten 36 Stunden nach dem ausbrühten auf den ersten bewegten Anreiz sich prägen. Der Begriff „Prägung" bezeichnet das schnelle Lernen eines Reizes in einer zeitlich abgegrenzten Phase welches weitgehend unabhängig vom eigenen Verhalten ist. Dabei kann es sich um ein bestimmtes Lebensalter oder eine bestimmte Lebensphase handeln. Nachgewiesen ist beispielsweise das die Wahl der Sexualpartner bei Zebrafinken ebenfalls auf dem Effekt der Prägung beruht. Man spricht dann von so genannter „sexueller Prägung". Die Theorie, dass Fetischismus auf „sexuelle Prägung" beruht findet heute den größten Anklang. Eine der darauf basierenden Theorien ist, dass Fuß- und Schuhfetischismus im Kindesalter in der Krabbelphase entstehen, wenn das Kind um die Füße der Mutter krabbelt und dann eine Phase der sexuellen Prägung auftritt.

Das Problem mit diesen Theorien besteht darin, das ein wissenschaftlicher Nachweis beim Menschen meist sehr schwer fällt. Zwar gibt es wissenschaftlich fundierte Nachweise im Bereich der Tierwelt, aber eine Übertragung auf dem Menschen ist nicht immer uneingeschränkt zulässig.

Meine persönlichen Erfahrungen stehen durchaus im Einklang mit der Prägungs- und Konditionierungs-Theorie, auch wenn ich selber den Prägungszeitraum „Krabbelphase" in Zweifel ziehe. Soweit ich mich erinnern kann, waren bereits meine ersten persönlichen sexuellen Erlebnisse im Alter von 13 oder 14 von meinem Fetisch beeinflusst, auch wenn damals der Schwerpunkt eher auf Handschuhen als auf Stiefeln lag. Als Anfang der Neunziger bei den Mädels gerade Overknee- Stiefel richtig „in" waren, war ich so um die 16 und das Thema Mädels zum ersten mal richtig spannend. Overknees wurden damals für mich zum richtigen Superstimulant und ich weiß, dass auch ein weiterer Schulfreund von mir diesen Stiefelfetisch entwickelt hat. Von daher spricht viel für das Thema Prägung, auch wenn ich eher vermute, dass der Prägungszeitraum in der Pubertät zu suchen ist.

Nicht in den Neunzigern, sondern mitten in den Nullern.

Nach dem nun das „Warum?" etwas genauer erläutert wurde nun noch etwas zur Einordnung des Themas. Fetischismus wird oftmals generell als krankhaftes oder gestörtes Sexualleben bzw. Perversion in der Öffentlichkeit dargestellt. Tatsächlich ist sexueller Fetischismus schlicht eine sexuelle Orientierung auf unbelebte Gegenstände, eine Paraphilie, eine Variante der Sexualität, bei der ein Mensch im Zusammenhang mit Gegenständen, Handlungen oder Situationen eine sexuelle Lust verspürt. Für die meisten Stiefelfetischisten wird der Fetisch als zwischenmenschliche Sexualität mit einem Sexualpartner ausgelebt. Man spricht in diesem Fall von einem ungewöhnlichen, nicht der Norm entsprechenden Sexualverhalten, krankhaft ist dies jedoch nicht. Überhaupt ist es schwer zu definieren, wann sich ein Verhalten innerhalb der Norm bewegt und ab wann man sich außerhalb dieser befindet. Ob im Sexuellen überhaupt der Terminus der Norm Verwendung finden kann, ist selbst ja schon umstritten.

Zu dem verändern sich Verhaltens- und Sexualnormen stetig und sind von Kulturkreis zu Kulturkreis unterschiedlich. Ein Minirock in London ist vollkommen alltäglich, im bayrischen Provinznest sicherlich ein öffentliches Ärgernis. Auch Verlaufen die Grenzen zwischen einem Faible und einem Fetisch fließend. Ich finde bspw. Schwarze Dessous und Overknee- Stiefel sexy, würde bei Dessous aber nicht von einem Fetisch reden, hingegen bei den Stiefeln schon. Wäre eine Frau die Overknee-Stiefel trägt noch vor vier Jahren in der Öffentlichkeit schief angeguckt worden und sofort in die Fetischschublade gesteckt worden, so war das in den letzten drei Jahren modisch akzeptiert.

Dies alles zeigt wie schwierig es ist, überhaupt klare Definitionen bei diesem Thema zu bekommen. Festzuhalten bleibt, dass in dieser Variante Fetischismus weder krankhaft, noch für die Beteiligten oder die Gesellschaft schädlich ist. Allerdings stellt die mit dem ausgelebten Fetisch verbundene Dissexualität durchaus für den Fetischisten und den Sexualpartner ein Problempotential dar. Der Term Dissexualität beschreibt das Problem, dass die vom Fetischisten an den potenziellen, durchschnittlichen Sexualpartner gestellten Ansprüche von diesem nicht erfüllt werden und umgekehrt. Welche Frau kommt schon auf die Idee von sich aus hohe Stiefel beim Sex anzuziehen oder hat das Naturtalent von sich aus meinem Fetisch entsprechende erregende Situationen herbeizuführen.

Parallel besteht aber auch die Erwartungshaltung, dass Er auch sie dann sexy und bezaubernd findet und zum Höhepunkt kommt, wenn sie den Fetisch nicht erfüllt. Schwierig wird es dann, wenn die Würde und Integrität des Sexualpartners durch die mit dem Fetisch verbundenen sexuellen Handlungen verletzt werden. Die dissexuell handelnde Person nimmt meist wenig Rücksicht auf körperliche oder seelischen Belange des Sexualpartners, sondern stellt alleine seine Bedürfnisse, also den Fetisch, in den Vordergrund. Vorbehalte des Partners gegenüber dem Fetisch („Eigentlich finde ich die Siefel ja nuttig!") werden ignoriert und die Integrität verletzt („Ich zieh sie dir zu liebe trotzdem an!"). Daraus erwächst meist in solchen Beziehungen ein größeres Problempotential. Fetischismus kann (muss aber nicht) sich auch zu einer krankhaften psychische Störung entwickeln. Stark umstritten ist ab wann man und ob überhaupt von einer solchen krankhaften psychischen Störung gesprochen werden kann. Unterschiedliche Definitionswerke (z.B.: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10) (Schlüssel F65.0) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) der American Psychiatric Association) setzen die Kriterien für eine krankhafte psychische Störung recht unterschiedlich an.

Der Fetischismus kann (muss aber nicht) sich soweit steigern, dass das Interesse an gewöhnlichen sexuellen Aktivitäten nicht mehr vorhanden ist, nur noch der fetischistische Trieb ausgelebt wird und zwischenmenschliche Sexualität nicht praktiziert wird. Das heißt allerdings nicht, dass soziale Kontakte insgesamt vernachlässigt werden. Dieser Fall ist allerdings nicht gänzlich ausgeschlossen. Dann kann eine psychologische Beratung Hilfe bieten. Wenn der Betreffende unter dem Mangel an zwischenmenschlicher Sexualität leidet, kann psychologische Unterstützung ebenfalls sinnvoll sein.

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