Essay:Julie 06

Den folgenden Beitrag hat uns Henry geschickt. Er hat sich selber ausgiebig mit dem seinen eigenen Vorlieben beschäftigt.

Fetisch- ein Fest des Lebens

von Henry

Theorie über den Ursprung von Fetischen- Ein Fest des Lebens Woher kommt das bei uns mit den Stiefeln? Anscheinend hat jeder und jede von uns so eine Erinnerung an irgendwelche Stiefel in der Kindheit. Bei mir waren es die Stiefel meiner großen Schwester, schwarze Lederstiefel, nicht ganz kniehoch, mit einem Stretcheinsatz. Die zog ich mir heimlich an und war vollkommen fasziniert, dass Menschen so ein tolles Kleidungsstück herstellen können. Aber warum Stiefel? Die Unterwäsche meiner Schwester etwa hat mich immer total kalt gelassen, die Strumpfhosen fand ich eher abstoßend, alles aus Lack und Gummi schrecklich - für andere ist das der totale Fetisch geworden.

Meine jüngste Theorie (oh je, ich hatte schon viele!) basiert auf einer Idee aus der Humanbiologie: Ein weißes Blutkörperchen, das der Abwehr von Viren dient, ist spezialisiert auf ganz bestimmte Feinde. Die passen molekular optimal auf die Außenhaut der Verteidigungszelle, und wenn sie drauf sind, sind sie damit unschädlich gemacht.

So ähnlich sieht unser Faible aus, unser seelisches Organ, das dafür zuständig ist, was wir an einem Sexualpartner attraktiv finden. Ich stelle mir das so vor, dass sich an eine vorhandene Faszination andere, dazu passende Teile anlagern. So hat jeder von uns ein höchst komplexes und völlig individuelles Faible: Ich mag Lederhandschuhe, hohe Stiefel, enge Lederhosen, Frauen in Lederröcken. Wobei das Leder dunkel und glänzend sein sollte, die Nähte fein, die Oberfläche sauber, das Ambiente elegant, usw., irre viele Details.

Danke für die Stiefel:)

Wenn ich genauer untersuche, was sie gemeinsam haben, dann ist es ein ganz bestimmtes Zusammenspiel von einer Oberfläche, die sich ganz glatt über ein Körperteil spannt (Finger, Schenkel, Fuß) und einem Teil direkt daneben, welcher ganz spezielle Falten wirft (an den Fingergelenken, ums Handgelenk bei Handschuhen, um die Fessel bei Stiefeln, am Knie bei Hosen und Overkneestiefeln). Das Ganze klappt bei mir nur bei echtem Leder. In Lack oder Gummi ist der Glanzeffekt geringfügig anders und passt deshalb nicht mehr in mein Faible.

Es „klinkt" sich nicht ein - und der Reiz ist für mich vorbei. Ich möchte das als eine Art „Wahrnehmungsatome" bezeichnen. Aus diesen Atomen, ganz kleinen Details, setzt sich das zusammen, was mich fasziniert. Das habe ich bei anderen Faible-Menschen auch immer so bemerkt.

Nun habe ich (unter Anleitung eines Therapeuten) nach irgendwelchen traumatischen Erfahrungen gesucht, und dabei wurde ich fündig: Mit knapp 3 Jahren musste ich für längere Zeit ins Krankenhaus wegen einer lebensgefährlichen Lungenentzündung. Dabei wurde ich bestimmt 2 Wochen von meiner Mutter getrennt. Das ist für Kleinkinder immer ein sehr schlimmes Erlebnis, die so genannte „unterbrochene Hinbewegung". Sie findet sich, so meine Erfahrung, bei vielen Männern, die irgendeine Art von Fetisch oder Faible haben.

Ich hatte als kleiner Junge panische Angst vor einer ganz bestimmten Art von schwarzen Schläuchen. Ich erinnere mich an Bilder von Düsenjägerpiloten mit Atemmaske, aus der unten ein geriffelter schwarzer Schlauch ragt. Faszinierend! Das hat michgegruselt und gleichzeitig total fasziniert, ich erinnere mich an diese Bilder mit fotografischer Genauigkeit. Das geht bestimmt zurück auf ein Erlebnis im Krankenhaus, irgendetwas mit einer Sauerstoffmaske, wo ich ganz allein in Todesangst war, vermutlich ohne Mama. Das Schlauch-Trauma könnte durchaus ambivalent sein. Vielleicht hat der Schlauch, den ich so fürchtete, mir ja das Leben gerettet.

Jedenfalls könnte es eine Verbindung geben zwischen dem Gummischlauch und meinem Lederfaible. Es ist eben nun mal nicht so einfach in unserer Seele, dass ein Kind mit so einem Erlebnis Gummifetischist wird und sich von einer Domina ersticken lassen will. Spätere Erlebnisse, wie z. B. die Stiefel von meiner Schwester oder die Lederhandschuhe meiner Oma, haben eine Erinnerung geweckt, ein merkwürdig partielles déjà vu - und dann wurden Stiefel, Handschuhe, später Lederjeans und andere Ledersachen in das Faible mit eingeklinkt. Vielleicht wegen des schwarzen Glänzens, wegen des abschnürenden Effekts oder warum auch immer.

Klingt kompliziert, aber für mich durchaus plausibel. Denn ich habe festgestellt, dass bisher fast alle „Fetischisten" eine todesnahe Erfahrung in ihrer Kindheit hatten (manche mussten erst nachfragen bei Verwandten, aber immer war es ein Treffer!). Mein Gefühl gegenüber Leder war immer, dass es wunderschön und „lebenswert" ist. Wenn man an der Schwelle zum Tod steht, braucht die Seele einen Strohhalm, ein ganz einfaches Symbol für das Leben, an dem es sich in der extremen Krisensituation festhalten kann. Das ist für mich das Leder: Leben. Erst in zweiter Linie hat es was zu tun mit Sex, aber was ist schon vitaler und dem Lebenssinn näher als Sex!

Jedenfalls sind Sex und Tod ja Verwandte. In meiner Geschwisterreihe gibt es Totgeburten, eine Abtreibung und ein kurz nach der Geburt gestorbenes Kind. Ich habe einmal einen Mann kennen gelernt, der als 10-jähriger von einem etwas älteren Jungen sexuell sadomasochistisch gequält wurde, und zwar fast bis zum Tod. Nur durch ein Wunder überlebte er ein lang dauerndes, folterndes Erstickungsritual. Und was hat dieser Mann als Erwachsener für einen Fetisch? Er steht auf Frauen mit Schleier!

Unsere Seele funktioniert nicht so billig, dass sie das, was uns einmal fast getötet hätte, daraufhin vermeidet und eklig findet. Nein, weil die Gefahr so enorm ist, verbündet sie sich lieber mit ihr, indem sie rituell einbaut und zum Zentrum eines komplexen Geflechts von erotischen, lebensspendenden Faibles macht. Der Schleier ist eine zarte Erinnerung an das schreckliche Geschehen. Aber durch diesen dezenten Trick wagt es die Seele, dort hinzuschauen und sich darüber zu freuen.

Ein Fetisch ist also für mich ein Fest des Lebens. Wenn ich in Stiefeln durch die Stadt gehe, wenn ich Lederhandschuhe trage, wenn ich so wunderbare Frauen wie Karina in ihren hohen Stiefeln sehe, dann jubelt es in mir. Ja, ich lebe! Ja, diese Menschen (wie Karina) kennen irgendwie auch ein Stückchen von meinem wunderbaren Geheimnis und feiern mit. Deswegen ist es mir eine Freude und Ehre, Karina ein Paar rote Overknees und ein Paar lange Lederhandschuhe zu schenken, einfach so, zum Mitfeiern sozusagen.

Gratulation allen, die bis hierher beim Lesen durchgehalten haben. Würde mich sehr interessieren, ob jemand meine Theorien bestätigen kann. Ich bin überzeugt, dass der Reiz des Faible nicht verschwindet, wenn man ihn „entschlüsselt" hat. Aber das Überdominante, Suchthafte geht weg. Und das ist mir durchaus wichtig. Manche Tage kriege ich meine Gedanken überhaupt nicht vom Thema Leder los, das kann schon auch nerven.

Jedenfalls ist die Frage nach der Herkunft meines Faibles die große Quest meines Lebens, die aventure, die Abenteuerreise. Nichts ist spannender. Wer antworten will, kann das hier an die Stiefelstudentin tun oder auch direkt an mich über HenryBaier@gmx.de

Euer Henry

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